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Von Berlin nach Dersim

Submitted by dersimi on Wed, 10/02/2013 - 21:16

Dersim Bilder - LandschaftFür ein Auslandspraktikum habe ich mir die Stadt Dersim ausgesucht, nicht nur weil ich thematisch daran interessiert war, sondern auch die Zeit, in der ich so oder so im Ausland bin, damit zu kombinieren, durch Dersim zu reisen. All diejenigen, die demnächst oder im nächsten Jahr nach Dersim reisen wollen, würde ich empfehlen den Flug schon ein paar Monate im Voraus zu buchen, denn zwei Wochen vorher, wie ich es getan habe, habe ich ca. 400 EUR nur für den Flug gezahlt und ca. 50 EUR für den Transfer vom Flughafen nach Dersim. Hätte ich früher gebucht, hätte ich mehr als über die Hälfte des Preises sparen können.

Gefolgen bin ich von Berlin-Tegel erstmals nach Istanbul, von dort aus nach einer Wartezeit von vier Stunden weiter nach Flughafen Elazig mit der Turkish Airline. Dersim Bilder - LandschaftLeider ist der Koffer bei der automatischen Weiterleitung von der Airline aus, verschwunden und kam nach fünf Tagen erst bei mir an. Für all diejenigen, denen es auch passieren sollte, ruft sofort die Polizei an und stellt es per Anzeige schriftlich fest, denn das Personal am Flughafen ist keineswegs hilfreich. Sie machen einen nur wütend und sauer! Da man später bei der Schadensregulierung die Beweiskraft trägt und man sicherlich keine Quittungen für banale Sachen aufbewahrt hat, kann man auch nichts beweisen. Also sofort die Polizei anrufen und sie bitten zum Flughafen zu kommen oder wenn der Koffer nach Hause gebracht wird, dann dorthin rufen. Per Reisebüro konnte man den Transfer vom Elazig-Flughafen bis nach Dersim (Mameki) reservieren. Der kleine Bus, der dann die Reisenden abholt, wartet etwa 500m entfernt vom Eingang des Flughafens. Es war zwar ein klein wenig umständlich den Weg bis dahin mit dem Gepäck hinzulaufen, dennoch war es machbar. Dersim besteht aus acht Bezirken: „Pulur“, „Süke“, „Xozat“, „Mazgerd“, „Qizikilise“, „Pertag“, „Pilemoriye“ und „Mameki“. In der Türkei sind leider die kurdischen Stadtnamen wie ich sie benannt habe, nicht offiziell. Der türkische Staat hat alle kurdischen Stadtnamen verboten und türkische Stadtnamen für diese gegeben. Dennoch finde ich, dass man hier die offiziellen kurdischen Stadtnamen benennen sollte. Dersim Bilder - LandschaftWas mich im Hinblick darauf sehr erfreut hat, ist, dass zum Beispiel die Bürgermeisterin Edibe Sahin von Dersim, sich gerade in Mameki dafür eingesetzt hat – auch wenn es vielleicht nicht ganz ihrer Idee entstammte, dass man die kurdische Beschreibung mit einnimmt. Der türkische Staat war zwar nicht damit einverstanden, dass nur kurdisch da steht, aber eine Kombination aus zweierlei Sprachen war zulässig. Es gab während meines Aufenthaltes ein Tag, wo sich die Bevölkerung zusammen getrommelt hat, weil die Bürgermeisterin Edibe Sahin eine Rede gehalten hat. Es ging wohl darum, dass die Regierung Gewinne erzielen konnte und sie sich bei der Bevölkerung für die Mitarbeit bedankt hat und mit dem Gewinn in neue Fahrzeuge für die Regierung investiert hat. Die Fahrzeuge wurden am Ende der Rede dann präsentiert. Dersim Bilder - LandschaftDer Ort an dem ich war, ist Mameki. Mameki wird auch als Zentrum von Dersim benannt. Hier sind wohl in den 80er Jahren viele Revolutionen seitens der Studenten gestartet worden. Daher gibt es eine Straße in Mameki, die „Palavra Straße“ heißt. D.h. so viel wie, dass hier sehr viel gesprochen, diskutiert, geredet wird. Laut den Bewohnern von Mameki hieß die Straße erst nach den studentischen Bewegungen so. Während meines Aufenthaltes habe ich einige Orte glücklicherweise besichtigen können. Eines meiner Lieblingsorte war: die Quelle des Munzurs. Munzur ist ein langer, langer Fluss, der sich über das weite kurdische Gebiet erstreckt und später in den Fluss Murat mündet, der wiederum ein Quellfluss des Euphrats ist. Die beiden letzteren Flüsse sind die bekannten Flüsse, die durch ganz Kurdistan fließen. Wenn man den Munzur sieht, fragt man sich immer, woher dieser seine Stärke und seine Kraft für das Fließen herholt. Denn Dersim ist sehr trocken und warm. Das Wasser ermöglicht dort viel Leben und das nicht nur für Menschen. Daher ist der Munzur schon fast heilig für die Bewohner, die sie selbst immer in Bezug auf eine Sage beziehen. Laut der Munzur-Legende war Munzur ein Hirte aus Dersim, der für einen Stammesführer diente und bei ihm zu Hause lebte. Der Stammesführer ging auf eine Pilgerfahrt und hatte Appetit auf Helwa. Helwa ist eine Süßspeise. Munzur, der für den Stammesführer arbeitete, gab den Wunsch von ihm weiter an seine Frau. Seine Frau dachte insgeheim, dass Munzur selbst Hunger auf Helwa hatte und nicht ihr Mann. Nichtsdestotrotz machte sie Helwa und gab es Munzur. Dersim Bilder - LandschaftMunzur eilte schnell zu dem Stammesführer. Da war dieser beim Gebet. Sein Gesicht zeigte zur linken Seite, da nutzte Munzur die Situation und gab ihm die Helwa. Der Stammesführer betete weiter und als er sein Kopf zur rechten Seite drehte und wieder zurück zur Munzur, war dieser verschwunden. Nachdem seine Pilgerfahrt beendet war, kehrte er in sein Dorf zurück. Alle Dorfbewohner kamen zu ihm, um ihn zu begrüßen. Doch der Stammesführer wollte nur Munzur sehen und sagte zu den Bewohnern, sie sollen Munzur zu ihm bringen. Munzur war währenddessen melken und als er sah, wie viele Menschen zu ihm eilten, rannte er vor Verlegenheit mit dem Eimer Milch weg. Als die Leute ihn jedoch weiter verfolgten und hinter ihm rannten, da verschüttete Munzur vierzig Tropfen Milch auf den Boden. Von diesen vierzig Tropfen Milch sollen vierzig Quellen entstanden sein. Gleichzeitig verschwand Munzur mit dem Entstehen der Quellen. Diese Legende ist auch im „Quellort des Munzurs“ beschrieben. Das Wasser wird als sehr heilig von der Bevölkerung angesehen. Viele Menschen sehen in Munzur eine Art heilige Person. Daher ist es verboten im Wasser selbst zu schwimmen, zu baden oder reinzugehen. Doch leider missachten viele dies und achten nicht auf ihre Kinder, wenn diese ins Wasser gehen. Dersim Bilder - LandschaftDie Bewohner von Dersim gehen an die Quelle des Munzurs, zünden dort ihre Kerze an und beten. Auch gibt es dort die Munzur Steine, die vom Munzur Gebirge im Wasser liegen. Die Bewohner nehmen die Steine, beten und kleben es an einem Fels des Munzur Gebirges. Bleibt der Stein hängen, so sagen sie, dass sich das Gebet erfüllt. Das Gleiche machen sie auch in den Wunschbäumen. Dort nehmen sie von Zuhause ein Stück Stoff mit – meistens in Weiß - und beten vor dem Baum und knoten den Stoff fest zu. Das hat den Sinn, dass sich ihr Gebet durch den festen Knoten erfüllt, der sich hoffentlich nicht öffnet. Die Quelle des Munzurs war so wunderschön. Ich würde es jedem empfehlen, dessen Weg einmal nach Dersim führt, dahin zu gehen. Man kann dort sitzen, picknicken, die Gegend genießen und viele Familien nutzen diesen Ort für Opfergaben. Auch die Munzur Gebirgen sind so mächtig, so schön ist der Ort, von dem man aus sie betrachten kann. Sie befindet sich in Pulur. Von Mameki nach Pulur zu der Munzurquelle sind es ungefähr 2,5 Stunden mit Auto entfernt. Soweit ich weiß, fährt da auch ein Bus hin. Das Wasser kann man direkt aus dem Fluss trinken, es ist sauber und sogar das Wasserunternehmen „Munzur“ holt hier direkt an der Quelle sein Wasser. Man kann aber seine Hand nicht einmal 30 Sekunden im Wasser halten, weil es so kalt ist. Mit dem Taxi in Dersim unterwegs zu sein, ist wirklich sehr teuer. Falls jemand hierher kommen sollte und schon weiß, dass er viel herumfahren möchte, sollte er in Istanbul ein Auto mieten. In Istanbul kann man soweit mir gesagt wurde, sogar für 20 EUR pro Tag ein Auto mieten. In Dersim bzw. in Mameki mietet man pro Tag ein Auto für 120 EUR. Das ist ein wahnsinniger Unterschied. Dann waren wir noch in „Halbori“. Auch hier gibt es eine Wasserquelle, die eines der vierzig Quellen ist, die durch Munzur entstanden sind. Das Wasser kann man hier direkt, wie auch in der Quelle des Munzurs trinken. Das Wasser ist hier nicht so kalt wie in der Munzurquelle, aber es schmeckt sehr erfrischend. In „Halbori“ ist das Interessante, dass hier viele Stühle und Tische im niedrigen Wasser stehen. Das hat den Zweck, dass wenn man an einem Tisch sitzt, dass die Füße im Wasser sein können. Bei den hohen Temperaturen ist es eine angenehme Kühlung. Hier kann man Grillen, Tee kochen, sogar schwimmen gehen und sich sonnen. Ein Tisch mit vier Stühlen zu mieten, kostet etwa 10 EUR. Hier empfiehlt sich, dass man schon ein Tag vorher alles vorbereitet und dann mitnimmt. Auch hier müsste man von Mameki mit dem Auto etwa eine Dreiviertelstunde hinfahren. „Halbori“ befindet sich auf dem Weg nach Pulur. In Mameki gibt es einige Orte, wo man schwimmen gehen kann. Diese Orte wurden etwas dem europäischen Sinne angepasst und die Besucher hier, sind dann meistens von Auswärts. Hier können die Touristen schwimmen, sonnen, Volleyball spielen, im Restaurant essen, selbst grillen, angeln und picknicken. Es gibt Spielplätze für Kinder und Musik im Hintergrund. Morgens kann man sogar dort Brunchen gehen. Einige dieser Orte sind: „Kemeri Munzur“, „Sinan Beach“ und „Kutudere“. In Dersim gibt es seit 2008 eine Universität. Hier gibt es Studienrichtungen wie Literatur u.ä. – aber keine Rechtswissenschaften. Laut den Studenten soll dort eine weitere Fakultät errichtet werden, der derzeit in Bau ist. Die Studenten haben in Dersim wohl neues Leben hinein gebracht. Viele Bewohner haben auch dadurch Arbeitsplätze finden können. Dennoch gibt es immer noch einen großen Mangel an Studentenwohnheimen. Dies nutzen die Hausverwalter regelrecht aus, indem sie überteuerte Wohnungen an Studenten vermieten. Auch kann man mit dem Bus von Mameki nach „Harput“ zum Shoppen fahren. Der Bus fährt dann mit der Fähre in Pertek. Dort kann man über das Wasser, was durch den Staudammprojekt entstanden ist und dort viele, viele historische Orte unter Wasser verborgen hält, fahren. Die Fährenfahrt ist sehr interessant gewesen. Da die Möwen dort zu den Menschen kommen und gefüttert werden wollen. Die sind überhaupt gar nicht scheu und sind vielleicht maximal ein Meter von den Menschen entfernt. Dersim Bilder - Landschaft„Harput“ ist als Stadt viel wärmer als Mameki. Es gibt viele Shoppingcenter und das Stadtleben ist ganz anders als in Mameki. Wer einmal hierhin kommt, sollte das auch gesehen haben. Achja, hier ist es natürlich günstiger zu shoppen als in Mameki. Sei es hinsichtlich Gemüse, Obst, Brot und Klamotten. Dann haben wir auf dem Weg zu den „Munzur-Gebirgen“ den Ort gesehen, wo die Adoptivtochter von Atatürk Sabiha Gökcen als erste Pilotin in den Himmel gelobt, Kinder, alte Menschen und Frauen während des Genozid im Jahre 1937/38 zwischen zwei Felsen, wo diese sich versteckt hatten vor dem türkischen Militär, von oben bombardiert. Der Fluss, der neben den Felsen floss, wurde wegen dem Blut der Toten, ganz rot. An diesem Ort gibt es eine Gedenkstätte an einem Stein, wo man eine Kerze für die toten Menschen anzünden kann und für sie beten kann. Da die Türkei auch ein Militärstaat ist, ist das Militär in Dersim leider auch sehr präsent. Das zeigt sich zum einen dadurch, dass überall Soldaten mit ihren Gewehren herumlaufen und einen anschauen, als wäre man verdächtig und zum anderen dadurch, dass sie überall an den Bergspitzen ihr Militärlager haben, wo sie die Bevölkerung beobachten. Ein neueres Militärlager soll direkt an den Felsen am Sinan Beach gebaut werden. Als das Militär dort angefangen hatte zu bauen, haben sie wohl jede Menge Gold gefunden. Man vermutet, dass das Gold aus der Zeit der Armenier war. Aber Passkontrollen wie vor Jahren auf dem Weg von Mameki nach Pulur gibt es Gott sein Dank nicht mehr. Nur abends in der späten Nacht soll es Passkontrollen geben. In „Pilvenk“ – das ist ein Ort auf dem Weg von Mameki nach Pulur gibt es zwischen zwei Felsen einen Bereich, der aussieht wie ein Becken, wo dann von oben von den Felsen ein Wasserfall hinunter strömt. Das Wasser soll hier sehr warm sein. Was ich besonders schön fand, war, dass die Regierung in Mameki bemüht ist, ihre Bezirke attraktiver zu machen. Mameki selbst hat sieben Bezirke: „Sîhenk“, „Gazîk“, „Mogultay Bezirk“, „Ali Baba Bezirk“, „Gome Dewres“, „Taxa Newîye“ und „Harcîk“. Jeder dieser Bezirke hat eine Besonderheit bekommen. Zum Beispiel besitzt „Sîhenk“ einen „Kinderspielplatz“ auch für behinderte Kinder und versucht denen auch eine Möglichkeit zu geben, sich im Kinderspielplatz aufzuhalten und den großen „Sportstadium“. Zudem soll dort bis nächstes Jahr ein großes Krankenhaus erbaut werden. In „Gazîk“ gibt es den „Parkî Asme“. Hier gibt es schöne Blumen und eine tolle Aussicht auf den Munzur und auf Mameki. Im „Mogultay Bezirk“ gibt es den „Seyid Riza Park“. Es gibt eine riesen Skulptur von Seyid Riza und auch ein Bild aus Keramiksteinen. Sein Enkelkind kommt oftmals hierhin und trinkt dort in dem Teeladen Tee. Hier befindet sich die Bühne für das Munzur Festival oder auch für Konzerte. Unter anderen war dieses Jahr im Sommer „Grup Yorum“ da und viele, viele Menschen, die am Konzert teilgenommen haben. Im „Ali Baba Bezirk“ gibt es den „Parkî Suka Qane“. Das ist ein Sportplatz für alle Bürger. Hier können Kinder, Frauen und Männer jederzeit Sport an den dort aufgestellten Sportgeräten machen. Die Idee, die Bevölkerung zu Sport zu motivieren, fand ich persönlich toll! In „Gome Dewres“ gibt es die „Jara Gola Ceto“ und der dazugehörige Park. Die „Jara Gola Ceto“ ist für die Bevölkerung in Mameki sehr heilig. Hier kommen mittwochs die Menschen zum Beten hin und zünden ihre Kerze an. Auch der Ort „Jara Ana Fatma“ ist eine Gebetsstätte der Bevölkerung. An all diesen Orten kommen die Menschen zum Beten, Kerze anzünden und einige sogar um Opfergaben zu verrichten. Was besonders toll in Mameki ist, ist das Munzur Festival, welches jedes Jahr dort Mitte oder Ende Juli stattfindet. Dann ist immer sehr viel los und viele Menschen aus überall der Welt kommen in den Tagen hierher. Meistens haben die keine Unterkunft und übernachten entweder im Auto oder in Zelten. Das Festival ist immer sehr schön. Viel Musik, Vorträge und Theater finden statt. Die Konzerte finden im Sportstadium in „Sîhenk“ statt und im „Mogultay Bezirk“ finden dann meistens die Vortragsreihen und das Theater statt. Zudem gibt es immer sehr viele Essensstände, Schmuckstände, Schalstände, Shalvarstände, Bücherstände, also einfach alles, was man sucht. Dieses Jahr hat die Regierung sich dazu entschlossen im Sinne des Munzur Festivals eine Stadtmauer mit Bildern aus dem Jahr des Genozid 1937/38 aufzuhängen. Ich fand es sehr schön und vor allem in Anbetracht dessen, dass man das vor einigen Jahren gar nicht in der Türkei aussprechen konnte. Schön, dass man heute die Freiheit hat, darüber offen zu reden.

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