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Soziale Herkunft und Bildungschancen in Deutschland

Gespeichert von Siska am Fr., 28. März 2014 - 17:23

Soziale Herkunft und Bildungschancen

In keinem anderen europäischen Land entscheidet die soziale Herkunft sprich das Elternhaus in einem so hohen Maße über den Abschluss von höheren Bildungsgraden wie Abitur, Studium und Promotion wie in Deutschland.
„Unterschiede in der Bildung sind heute […] zweifellos der wichtigste ständebildende Unterschied […]. Unterschiede der Bildung sind – man mag das noch so sehr bedauern – eine der allerstärksten rein innerlich wirkenden sozialen Schranken (Weber 1922: 247f).“
Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte Max Weber, dass die sozialen Disparitäten des deutschen Bildungswesens in Unterschieden der Ständegesellschaft begründet lagen. Hauptschule für Arbeiterkinder, Realschule für Kaufsmannskinder und Gymnasien für Kinder der oberen Schichten. Ein Schulsystem von Bismarck und heute immer noch trauriger Alltag. So bleibt auch im Jahre 2014 Bildung nicht für alle Sozialschichten gleichermaßen zugänglich, folglich stehen Bildungschancen im engen Zusammenhang mit der sozialen Herkunft.

Bildungschancen im gesellschaftlichen Fokus
Das Thema der sozialen Unterschiede (Disparitäten) im deutschen Bildungssystem ist bestimmt von Konjunkturen und Schwankungen. In den 1960er Jahren gerät die Bildungsungleichheit nach Konfession, Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und Region erstmals in die öffentliche Wahrnehmung. Seitdem wurde immer wieder die Frage nach den Merkmalen der Bildungsungleichheit und die Ursachen ihrer Entstehung in der Bildungspolitik und Wissenschaft aufgeworfen. Auf die Absichten diese sozialen Disparitäten zu verringern und das Bildungswesen anhand von Reformen zu optimieren, folgte oftmals Ernüchterung. Das Thema der Bildungsungleichheit geriet zunehmend in Vergessenheit. Bis dann Mitte der 1990er Jahre das allgemeine Interesse an Fragen der sozialen Disparität und Benachteiligung in Zusammenhang mit dem Bildungssystems wieder erwachte, das nun in Zuge der PISA-Studien seine Prosperität erreicht hat (Krüger et al. 2010: 7). Zu Anfang der Bildungsexpansion in 1960er Jahren war es vor allem die soziale Gruppierung von katholischen Arbeitermädchen vom Lande, die gegenüber Gleichaltrigen einen geringeren Bildungsstand hatte. Im heutigen Bildungssystem sind es vor allem Jungen mit Migrationshintergrund in Großstädten lebend, welche verglichen mit Gleichaltrigen aus bildungsnahen Schichten eine hohe Benachteiligung in Schul- und Ausbildungsjahren erfahren.

Bildungsungleichheit
Bildungsungleichheiten sind „Unterschiede im Bildungsverhalten und in den erzielten Bildungsabschlüssen von Kindern, die in unterschiedlichen sozialen Bedingungen und familiären Kontexten aufwachsen (Müller/Haun 1994: 3).“ Bildungsungleichheiten bilden Strukturmerkmale der heutigen Industriegesellschaften. Ungeachtet von Schulpflicht, Massenuniversitäten und der Bildungsexpansion ist der Zugang zu höherer Bildung von sozialen Disparitäten bestimmt. Es herrscht weitläufige Diskrepanz zwischen den Sozialschichten und dem Erwerb von höheren Bildungszertifikaten. Höhere Bildung ist weiterhin ein Privileg der bereits privilegierten, höheren Sozialschichten. Kinder aus höheren Sozialschichten besitzen eindeutig bessere Chancen höhere Bildungsgänge zu besuchen und diese auch erfolgreich zu absolvieren als Kinder aus unteren Sozialschichten. Im Allgemeinen hat dies zur Folge, dass Kinder aus höheren Sozialschichten aufgrund günstigerer Lebenschancen einen privilegierten Lebensweg einschlagen.

Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem?
Grundsätzlich ist der soziale Tatbestand der Ungleichverteilung im deutschen Bildungssystem im geringen Maße mit der Idee der Chancengleichheit in Einklang zu bringen. Auch, wenn man sich über die Definition des Begriffes der Chancengleichheit an manchen Stellen uneinig ist, lässt sich letzterer jedoch in der Regel folgendermaßen zusammenfassen (Becker 2009: 85):
„In einem strengen, inhaltlichen Sinne bedeutet diese Forderung, daß der Erwerb von Bildungsgraden und die dadurch erfolgende Verteilung von Lebenschancen so zu erfolgen hat, daß sie sich ausschließlich an der individuellen Leistung bemessen. Wenn bei der Erlangung von Bildungsabschlüssen leistungsfremde Bestimmungsgründe wirken, sei es als Voraussetzung der Leistungserbringung [...] oder gar unmittelbar bei der Leistungsanerkennung [...], so ist dies unvereinbar mit dem so verstandenen Gebot der Chancengleichheit. Chancengleichheit entsteht, dann wenn allen unabhängig von leistungsfremden Merkmalen [...] die gleiche Chance zu Leistungsentfaltung und Leistungsbestätigung eingeräumt wird (Hradil 2001: 152f.).“

Demzufolge ist Chancengleichheit gewährleistet, wenn alle sozialen Akteure gemäß ihrer Fähigkeiten und Leistung die gleiche Möglichkeit besitzen Bildungsabschlüsse zu erreichen. Beim Erwerb von Bildungsabschlüssen liegt Chancengleichheit vor, wenn der Bildungserfolg ohne den Einfluss leistungsfremder Merkmale, wie beispielsweise Geschlecht, Bildung, Prestige, Einkommen der Eltern, Familienzugehörigkeit, Religion, Hautfarbe, politische Einstellungen, oder soziales Netzwerk umgesetzt wird. Leitungserbringung bezeichnet hierbei Fähigkeiten mit denen ein Kind aufgrund seiner sozialen Herkunft ausgestattet sein kann, die sich positiv in schulischen Leistungen niederschlagen. Zum Beispiel können sich die außerhalb der Bildungsinstitution erfolgte Vermittlung von gehobenen Sprachfertigkeiten auf das Verfassen von Schulaufsätzen auswirken. Leistungsanerkennung besteht dann, wenn aufgrund der sozialen Herkunft über Schulnoten entschieden wird. Zum Beispiel wenn deutsche Kinder bessere schulische Leistungen erhalten als Migrantenkinder (Becker 2009: 85; Hradil 2001: 153).

Chancengleichheit im inhaltlichen Sinne
Unter Chancengleichheit im inhaltlichen Sinne ist nicht der Vergleich individueller Leistungen von sozialen Akteuren untereinander zu verstehen. Es wird vielmehr formal das Vorhandensein von leistungsfremden Einflüssen auf den Bildungserfolg betrachtet. Infolgedessen gestaltet es sich als schwierig, Leistung im gesamtgesellschaftlichen Gefüge zu erklären und zu beurteilen. Soziale Disparität von Bildungschancen ist dann aufgehoben, wenn nicht die soziale Herkunft, das Geschlecht, die Schichtzugehörigkeit etc. die Bildungsergebnisse beeinflussen, sondern wenn alle sozialen Gruppen gleichermaßen Bildungsabschlüsse - gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil - erreichen.

Umgekehrt besteht soziale Disparität von Bildungschancen dann, wenn prozentual weniger oder mehr soziale Gruppen einen Bildungsabschluss erreichen, als sie in der Bevölkerung vorhanden sind. Der Abbau von Bildungsungleichheit kann als gesamtgesellschaftliches Ziel gesehen werden. Die Absicht dahinter ist keinesfalls die Angleichung der Bildungsabschlüsse aller sozialen Akteure einer Gesellschaft, sondern die Beseitigung von Bildungsprivilegien. Chancengleichheit im Bildungswesen setzt bereits die Bedingung voraus, dass Ungleichheiten der Leistungsfähigkeit und -motivation auf der Mikroebene vorhanden sind, aber auch das in allen sozialen Gruppen Leistungspotenziale im ähnlichen Maße verfügbar sind (Hradil 2001: 153f.).

Privilegierte Kinder
Höhere Bildung ist ein Privileg von höheren Sozialschichten und dieses ist immer noch nicht mit dem Paradigma der Chancegleichheit zu vereinen. Als Gründe hierfür können primäre und sekundäre Effekte der sozialen Herkunft genannt werden. Kinder aus höheren Sozialschichten besitzen durch den familialen Kompetenzerwerb, gegenüber Kindern aus bildungsfernen Schichten einen Bildungsvorteil. Des Weiteren lässt sich eine schichtabhängige Diskrepanz in Ressourcen der Bildungskosten und der Beurteilung von Bildungsrenditen, die in Bildungsungleichheiten mündet, feststellen. Diese Bildungserträge sind nicht nur beeinflusst von der elterlichen Bildungsentscheidung, sondern haben auch institutionelle Einflüsse. Hinter dem Bildungsverhalten der unterschiedlichen Sozialschichten stehen meist das Motiv des sozialen Aufstiegs oder zumindest das eines intergenerationalen Statuserhalts. Allerdings soll in jedem Falle ein sozialer Abstieg der Kinder vermieden werden.

Reform des Bildungswesens
Gemäß dieser Ausführungen wird es in Zukunft immer bedeutender Kinder aller Sozialschichten erfolgreich in den Bildungs- und Arbeitsmarkt zu integrieren. Gesamt gesellschaftlich sowie wirtschaftlich kann Deutschland nur seine soziale wie ökonomische Stärke ausbauen, wenn es stärker in seinen Nachwuchs, eine modernere Bildungslandschaft und Zukunftschancen von Kinder aus bildungsfernen Schichten investiert.

Literaturangabe

Becker, Rolf, 2009: Entstehung und Reproduktion dauerhafter Bildungsungleichheiten. S. 85-129 in: Rolf Becker (Hg.): Lehrbuch der Bildungssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hradil, Stefan, 2001: Soziale Ungleichheit in Deutschland. Opladen: Leske + Budrich.

Krüger, Heinz-Herrmann, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Thorsten Kramer und Jürgen Budde, 2010: Bildungsungleichheit revisited? – eine Einleitung. S. 7-24 in: Heinz-Herrmann Krüger, Ursula Rabe-Kleberg, Rolf-Thorsten und Jürgen Budde (Hg.): Bildungsungleichheit revisited. Bildung und soziale Ungleichheit vom Kindergarten bis zur Hochschule. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Müller, Walter und Dietmar Haun, 1994: Bildungsungleichheit im sozialem Wandel. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsschologie 46: 1-43.

Weber, Max 1922: Wahlrecht und Demokratie in Deutschland. S. 247-248 in: Max Weber: Gesammelte politische Schriften. Tübingen: Mohr (Siebeck).

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